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»Geisterhäuser«
Kinder schreiben Geschichten über Leerstände

  • © Lukas Hämmerle
In Zusammenarbeit mit der Architektin Julia Kick, dem Fotografen Lukas Hämmerle und Vanessa Waibel vom Gemeindearchiv Lustenau hat das W*ORT Lustenau Kinder eingeladen, die Leerstände in Lustenau aus ihren eigenen Augen zu betrachten. Entstanden ist dabei das Buch »Geisterhäuser« mit fantasiereichen, gruseligen und manchmal auch brutalen Erzählungen über die Geister, die früher oder sogar jetzt noch in drei ausgewählten leerstehenden Häusern verweilten und verweilen. 
 
Wer tiefer in das Thema Leerstand in Lustenau eintauchen möchte, kann das Buch einmal umdrehen. Von hinten (oder vorne?) gelesen liefert es Zahlen, Fakten und Lösungsansätze zum Thema Leerstand. Das Team hat versucht, Leerstand von verschiedenen Richtungen zu betrachten, um so – ohne den Anspruch auf eine wissenschaftliche Arbeit zu erheben – der Komplexität des Themas gerecht zu werden.
 
„Leerstand. Ein ständiges und besonders schwieriges Thema der Siedlungsentwicklung. Rund 800 Einheiten, davon fast 200 Einfamilienhäuser stehen in Lustenau leer. Zum einen schlummert in ihnen ungenutzter Wohnraum, zum anderen sind sie oftmals ein baukulturell wertvolles Erbe, das durch Verfall und Abbruch zu verschwinden droht.“, schreibt Architektin Julia Kick.


Julia arbeitet seit Mitte 2016 an diesem Projekt und hat den Leerstand auch mit Kindern im W*ORT thematisiert. „Warum wohnt hier niemand mehr“ war eine oft gestellte Frage von Seiten der Kinder. Nach einer Einführung in das Thema machten sich die Workshopteilnehmer mit Julia, Fotograf Lukas Hämmerle und Vanessa Waibel vom Lustenauer Gemeindearchiv auf den Weg in die Geisterhäuser. In Kleingruppen gingen sie auf die Suche nach Geisterspuren und Indizien.

Daten, Fakten und Namen, die auf liegengebliebener Post, Bildern und an Postkästen gefunden wurden, waren Ausgangspunkte für eine detailliertere Recherche im Gemeindearchiv. Die Kinder versuchten, einen Stammbaum der jetzigen Hausbesitzer zusammen zu stellen indem sie digital  recherchierten aber vor allem auch alte Adressbücher durchforsteten.

Die gesammelten Informationen waren dann Ausgangspunkte für die Geschichten der Kinder, die sie im W*ORT zu Papier brachten. Jetzt sind ausgewählte dieser Geschichten in dem Buch »Geisterhäuser« über den Leerstand in Lustenau erschienen. Mit dem Projekt 'Ein guter Rat' bietet die Gemeinde darüber hinaus ein Servicepaket an, das Hausbesitzer bei der Belebung des Leerstandes unterstützen soll.

Das Team dankt den Besitzern der drei Geisterhäuser für ihre Gastfreundschaft und ihr Vertrauen. Sie haben drei sehr spannende Ausflüge in die Häuser möglich gemacht, in denen die Kinderaugen Dinge gesehen haben, die Erwachsene nicht wahrgenommen hätten. Im Klo war Blut, alte Werkzeuge wurden zu Folterinstrumenten und die Spielzeugpistole zu einer gefährlichen Knarre.

Dieses Projekt basiert auf einer Idee von Lukas Hämmerle und wurde in Kooperation mit der Architektin Julia Kick und der Marktgemeinde Lustenau aufgegriffen und weiter entwickelt.


»Geisterhäuser«

Vorwort von Luzi, 8 Jahre

Als ich von diesem Projekt erfuhr, wollte ich sofort dabei sein. Ich war schon gespannt, was mich erwartete. Waren es verfallene Häuser mit alten Möbeln und zerbrochenen Fensterscheiben und wohnten dort wirklich Geister?

Im ersten Haus führte eine „schiefe“ Treppe in den oberen Stock. Ich hatte Angst, dass die durchhängenden Decken vielleicht einstürzen könnten und die Kaminlöcher sahen aus wie Geister. Im Klo fanden wir einen kaputten Schuh, das war wirklich eklig. Zum Haus gehörte auch eine Stickerei. Überall lagen Röhrchen mit Fäden herum.

Das zweite Haus war vis a vis vom ältesten Haus Lustenaus, dem Amannhaus. Es kam mir vor als ob vor kurzem noch Leute darin gewohnt hätten. In diesem Haus war früher auch ein Stall. Während unseres Workshops besuchten wir dann noch Vanessa im Gemeindearchiv. Sie zeigte uns ... und wir forschten nach wer früher in diesen Häusern gelebt hat.

Auf dem Schulweg komme ich an einem Geisterhaus vorbei. Ich überlege dann, ob wohl noch jemand darin wohnt. Jetzt blühen im Garten schöne Blumen. Manchmal pflücke ich eine und schenke sie meiner Mama.

Schade, dass in den Gärten der leerstehenden Häuser keine Kinder spielen dürfen. Viele schöne Häuser werden leider abgebrochen und die Erwachsenen bauen dann Blöcke. Dort haben die Kinder nicht mehr viel Platz zum Spielen.

 

Vorwort von Julia Kick

Leerstand ist ein sehr emotionales Thema. Längst ist Vielen bewusst, dass es nicht mehr zum guten Ton gehört eine Immobilie leer stehen zu lassen. Es ist nicht unsere Absicht mit dem Finger auf jemanden oder etwas zu zeigen.

Wir wollen das Thema spielerisch angehen, wollen Emotionales mit noch mehr Emotion anreichern. Wer kann das besser als Kinder. Sie haben den erfrischenden, unverfälschten und direkten Blick auf die Welt, in der sie leben. Eine Welt, die in ihrem Alter noch überschaubar klein ist: die Nachbarschaft in der sie wohnen und zur Schule gehen, wo sie sich mit Freunden treffen und draußen spielen. Diese Welt wird dafür umso intensiver wahrgenommen, prägt und beschäftigt Kinder mehr, als Erwachsene das vielleicht ahnen.

Wir nutzen diesen anderen Blickwinkel, setzen Kinder als Vermittler ein, um ein wichtiges, aber schwieriges Thema der Siedlungsentwicklung heraus aus Fachgremien und Ausschüssen hin zu denen zu bringen, die es wirklich betrifft. Zu den Eigentümern und Eigentümerinnen von leerstehenden oder teilweise leerstehenden Gebäuden und sie anregen, darüber nachzudenken und vielleicht etwas daran zu ändern.

Zudem möchten wir Kindern, sowie auch jedem Leser, jeder Leserin Baukultur vermitteln. Oftmals sind leerstehende Häuser alte Häuser, die vielleicht nicht mehr aktuellen Wohnstandards entsprechen. Doch wurde früher schlechter gewohnt? Oder vielleicht doch nur anders? Häuser sind Zeitzeugen, die viel erzählen können. Wir wollen diese spannenden Geschichten den Kindern weiter geben und ihren Horizont erweitern, ihre Welt ein kleines Stückchen größer machen. Wir wollen ihnen zeigen, dass auch Altes und heute vielleicht Ungewöhnliches seinen Wert und seinen Reiz hat. Sie sollen ein Bewusstsein dafür entwickeln, wo und wie sie leben und wohnen. Ein Gefühl und ein Interesse für ihr Umfeld bekommen und im besten Falle lernen wie wichtig es ist als Einzelner dieses Umfeld aktiv mit zu gestalten.

Die Workshop Reihe kann gerne fortgesetzt werden.

 

ein Projekt von 
W*ORT Lustenau
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»Geisterhäuser« ist erhältlich 
im Lustenauer Buchhandel

 

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